Wertewandel im Mainbogen

Die freien Reichsdörfer Gochsheim, Schwebheim und Sennfeld liegen im Mainbogen bei Schweinfurt.Die Gemarkungen gehören größtenteils zur naturräumlichen Haupteinheit des „Schweinfurter Beckens“.Die Landschaft ist fast eben.

Von leichten Wellen durchzogen, steigt sie sanft von West nach Ost an, um dort ins Steigerwaldvorland überzugehen.

Das Klima nimmt eine Mittelstellung zwischen dem mehr ozeanischen Charakter der Spessart-Rhön-Schwelle und dem mehr kontinentalen Inneren des mainfränkischen Beckens ein. Die kontinentale Tönung überwiegt: starke Jahrestemperaturschwankungen, heiße Sommer, hoher Anteil der Sommerniederschläge bei insgesamt niedriger Jahressumme im Regenschatten von Spessart und Rhön.Die Vegetationsperiode dauert 160-170 Tage.

Ablagerungen aus Keuper, Pleistozän, und Holozän prägen die Geologie. Der Muschelkalk ist nur im Nordosten anzutreffen. Weit verbreitet sind die Gesteine des Lettenkeuper im Schweinfurter Becken, teilweise verschüttet von Flugsand und Sandlöß des Pleistozän.

Ebenfalls aus dieser Zeit stammen Terassenkiese und Terassensande am Mainbogen. Diese wurden im Holozän von einer Auenlehmdecke überzogen. Gleichzeitig vermoorten in den gefällearmen Auen der Mainzuflüsse deren sandige Ablagerungen ebenso wie die Seekreideansammlungen in abflusslosen Muldenlagen.

 Auf Grund der abwechslungsreichen Geologie und des trocken-warmen Lokalklimas ist die traditionelle Kulturlandschaft sehr vielfältig.

Der Ackerbau dominiert.

Sonderkulturen wie Gemüsebau und der berühmte Schwebheimer Kräuteranbau sind die Besonderheiten der kleinparzellierten Fluren, die durch die naturnahen Waldinseln bereichert werden.

Allerdings fehlen auf Grund der Spätfrost anfälligen Muldenlage Obst und Weinbau.

Zusammenhängende Wiesenflächen finden sich in den staunassen Mulden und im Auenbereich der Bäche. Dort liegt auch das für seine Flora berühmte Niedermoor der Grettstädter Wiesen.

Diese reiche Kulturlandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Intensivierung und Rationalisierung der Landnutzung sowie durch Ausdehnung von Siedlungs-Gewerbe- und Verkehrsflächen stark verändert.

Das harmonische Landschaftsbild ging verloren. Zersiedlungserscheinungen machen sich breit. Lebensräume schrumpfen, werden zerschnitten, verinseln oder verschwinden ganz. Die Pflanzen- und Tierwelt verarmt.

Diese Entwicklung wollten engagierte Bürgermeister, Gemeinderäte, Landnutzer und Naturschützer nicht länger hinnehmen und ergriffen die Initiative. Dabei ist jede Gemeinde ihren Weg gegangen.

Ökologische Flurbereinigung Schwebheim

In den Jahren 1986 und 1987 ließ die Gemeinde Schwebheim eine ökologische Gesamtaufnahme der Flur erstellen. Sie sollte die Grundlage einer Landschaftsgestaltung sein, deren Ziel es war, dem Artensterben entgegenzuwirken, die Existenz der Landwirtschaft zu sichern, die Naherholungsmöglichkeiten zu verbessern und die Umweltbildung zu fördern.

Gerade in diesem Bereich hatte die Gemeinde vorbildliche Vorarbeit geleistet. In Zusammenarbeit mit der VHS, dem Bauernverband und den am Naturschutz interessierten Vereinen und Arbeitskreisen hatte man die Bevölkerung durch naturkundliche Wanderungen und Vorträge für ökologische Zusammenhänge sensibilisiert.

 Auch zur Umsetzung in der Landschaft hatte die Gemeinde bereits erste Schritte getan. Pflanzungen waren durchgeführt und eine Niedermoorfläche im Bereich der Grettstädter Wiesen von der BRD erworben worden.

Zur weiteren Landschaftsgestaltung wurde nun ein beschleunigtes Zusammenlegungsverfahren nach §91 Flurbereinigungsgesetz durchgeführt. Ein Planungsbüro übernahm die Landschaftsplanung im Rahmen der ländlichen Entwicklung.

Die relativ naturnahen Waldinseln und die erworbenen Niedermoorflächen bildeten den Kern des Verbundsystems.

Die begonnene Belebung der Flur mit Hecken, Blütensäumen, Brachestreifen und Streuobstwiesen wurde fortgesetzt. Gräben, Bäche und Teiche wurden naturnah gestaltet. Kleingewässer wurden neu geschaffen. Im Naturschutzgebiet Riedholz/Grettstädter Wiesen versuchte man durch den Anstau von Entwässerungsgräben die Wiedervernässung zu erreichen. Gleichzeitig wird es durch die Pufferzone gesichert. Sein Artenpotential, das vereinzelt auch in den Gräben anzutreffen ist, bekommt Ausbreitungsmöglichkeiten durch die Neuanlage von Feuchtwiesen. Dabei bezieht man Flächen der Nachbargemeinden mit ein.

 Alle Maßnahmen zur ökologischen Flurbereinigung sind freiwillig.

Sie erfolgen in der Regel auf öffentlichen Flächen, die entweder durch Kauf oder Tausch zur Verfügung gestellt werden. Die Kosten des Verfahrens, das inzwischen abgeschlossen ist, liegen bei 2 Mio DM, die sich die Gemeinde und das Land Bayern teilen.

Ökologische Flurbereinigung Gochsheim

Ein engagierter Gochsheimer Naturschützer richtete im Jahre 1994 einen Brief an die Gemeinde mit dem Antrag, eine ökologische Flurbereinigung in der Gemarkung durchzuführen. Darüber hinaus macht er ganz konkrete Vorschläge für ein Biotop-Verbundsystem.

Der Antrag wurde mit den Vertretern der Landwirtschaft diskutiert und man einigte sich darauf, auch in Gochsheim ein beschleunigtes Zusammenlegungsverfahren nach §91 Flurbereinigungsgesetz einzuleiten.

Freiwilligkeit ist oberstes Gebot.

Schon bevor zoologische und floristische Aufnahmen durchgeführt wurden, wird als erste Maßnahme ein vorhandener Ortholanlebensraum optimiert. Ein ganzes Gewann wird nach dem Vorbild der traditionellen Kulturlandschaft gestaltet.

Der angrenzende Waldsaum wird verbreitert, um Strauchmantel und Staudensaum Entwicklungsmöglichkeiten zu geben.Großen Wert legte man angesichts des Klimawandels auf Wasserrückhaltung.Zu diesem Zweck wurden Kleingewässer neu geschaffen, Gräben angestaut und renaturiert und eine Quelle freigelegt.

Wo an Verkehrswegen und Gräben Relikte seltener Pflanzengemeinschaften auftraten, schaffte man Pufferzonen, um die Bestände zu sichern.

Die Verknüpfung mit den Vorhaben der Nachbargemeinden wird angestrebt.

Die erforderlichen Flächen wurden durch Grundstückskauf, -Tausch und Umlegung bereit gestellt. Für das Verfahren, das noch nicht abgeschlossen ist, sind Kosten von 500 000 Euro vorgesehen.

Mit Holzpointensee ist ökologische Flurbereinigung in Gochsheim abgeschlossen.  Der See ist kein Badesee. Als Biotop für Amphibien, Libellen und Vogelarten wie Zwergtaucher, Drosselrohrsänger sowie viele Entenarten soll er wertvolle Lebensräume schaffen. Das Projekt ist das letzte von insgesamt 14 Maßnahmen der ökologischen Flurbereinigung in Gochsheim seit 1997, die mit der Übergabe des Holzpointensees nun abgeschlossen ist. Schweinfurter Tagblatt vom 05.07.2014

Dokumentation "Ökologische Flurbereinigung"
Ist bei der Gemeinde Gochsheim gedruckt verfügbar - aber leider nicht als pdf

Umschlag
Inhalt

Sennfeld – Biotopverbund 2000

In Sennfeld wurden im Jahre 1997 durch die Initiative eines Gemeinderats, die vom Bürgermeister unterstützt wurde, erste Vorüberlegungen angestellt.

Die Idee war, den bei der Flurbereinigung begradigten Reichelshöfer Graben zu renaturieren und einen Biotopverbund zu schaffen, der den ganzen Ostteil der Gemarkung durchzieht und am Main endet.

Ziel des Vorhabens ist die Verbesserung der Gewässergüte, die Steigerung der ökologischen Wertigkeit, die Aufwertung des Landschaftsbildes und die Förderung des Natur- und Umweltschutzgedankens. Außerdem ist es als Teilprojekt des gemeindlichen Agenda 21 Prozesses vorgesehen.

Die Planung wurde vom Landschaftsarchitekten Bandorf kostenlos erstellt.

Die Baumaßnahmen wurden vom Oktober 98 bis März 99 durchgeführt. Bauoberleitung und – Überwachung liegt bei der Unteren Naturschutzbehörde und beim Wasserwirtschaftsamt.

Der vorher gradlinig verlaufende und mit Betonschalen ausgelegte Bach schlängelt sich nun befreit durch die Flur. Breite, Tiefe, Strömung, Substrat und Fließgeschwindigkeit variieren. Der Lauf verlängert sich von 880 auf 1055m.

Pufferzonen in unterschiedlicher Breite und feuchte Senken wurden angelegt. Durch die Fassung einer Quelle trocknet der Graben nicht mehr aus und wird zum Fließgewässer.

Damit wird die Maßnahme zuschussfähig und der Freistaat Bayern trägt 60,5% der Kosten von 76000DM.

Die Besiedelung durch Pflanzen und Tiere übernimmt die natürliche Sukzession. Eine Fortführung des Biotopverbundes an geeigneten Anknüpfungspunkten ist vorgesehen.

Der Biotopverbund ist jetzt fertig!
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[Flyer] 

Zusammenfassung:

 In den freien Reichsdörfern Gochsheim, Schwebheim und Sennfeld hat man erkannt, dass die Entwicklung der Kulturlandschaft einen Wendepunkt erreicht hat. Die Vielfalt der Standorte, die das Resultat bestimmter Nutzungsformen und Wirtschaftsweisen ist, nimmt erstmalig in ihrer Geschichte ab.

Ursache dafür ist der Einsatz moderner Landnutzungsmethoden.

Landschaftliche Schönheit, Artenvielfalt und funktionierende Stoffkreisläufe erfahren eine Neubewertung.

Um diese Ressourcen für kommende Generationen zu erhalten, investieren die drei Gemeinden im Mainbogen Millionen.

Sie erwerben die notwendigen Flächen, gestalten sie nach neuesten Erkenntnissen der Landschaftsökologie, pflegen sie oder überlassen sie der Natur. (Damit kommen sie ihrer Verpflichtung nach, die ihnen die Bayerische Verfassung ans Herz legt. (Art. 141 Abs.2))Während der Verfahren wurde eine gute Zusammenarbeit praktiziert, die die Akzeptanz in der Bevölkerung förderte.

Ernst Bohlig, Erich Rößner